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Dem König zu Füßen und aufs Haupt gestiegen
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Könige sind so: launisch und unberechenbar, aber auch volkstümlich und gnädig. Sie lieben es, wenn man ihnen staunend zu Füßen liegt, doch nur den Hartnäckigen oder Begnadeten wird es zuteil, bis zum Thron vorzudringen. Der Hochkönig im Salzburger Land ist ein Regent der besonderen Sorte. Strahlend präsentiert er sich dem Ankömmling, zeigt sich im vollen Ornat. Oft verhüllt er sich jedoch, zeigt gerade mal seine Zehen, lässt die Erdlinge, gekommen, um der Huld des Königs teilhaftig zu werden, einfach im Nebel stehen. Wer zu seinen Füßen wandern will, dem verlangt der Hochkönig kaum Prüfungen ab. Doch wer auf Augenhöhe mit dem König der Salzburger Berge stehen möchte, der muss sich diese Gnade wahrhaft verdienen.

Der Höhenweg ist einfach zu gehen, meint Klaus Bürgler, zu Füßen des Hochkönigs geboren und aufgewachsen, heute Geschäftsführer des Tourismusbüros Dienten. Und die Gipfeltour? Bürgler sieht uns mit einem "meint Ihr das Ernst"-Blick an. Vielleicht wird er das von seinen Gästen, die lieber gemütlich wandern als dem König auf’s Haupt zu steigen, auch nicht so oft gefragt. "Richtig schwierig ist die Gipfeltour nicht", antwortet er schließlich. "Aber ein fürchterlicher Hatscher. Gute fünfeinhalb Stunden in eine Richtung". Ins Feindeutsche lässt sich der "Hatscher" in etwa mit "stramme Tour" übersetzen. Was er real bedeutet, das überlässt Bürgler lieber dem Gesprächspartner, der sich vom Selbsterfahrungstrip wohl nicht abbringen lassen wird.

Der König beliebt zu schmollen

Es ist halb acht Uhr morgens, als wir erste Schwimmkreise in unserem Hotel ziehen. Wir schauen auf zum Hochkönig und sehen – nichts. Der Herrscher beliebt sich in Watte zu hüllen und den Betrachter im Unklaren zu lassen. Macht er auf oder bleibt er bockig? Einheimische sagen, dass sich die Nebel oft ganz schnell lichten – und Einheimische haben immer Recht. So stehen wir um knapp nach neun Uhr an der Bushaltestelle in der Nähe des Hotels und lassen uns vom Wanderbus in Richtung Mühlbach am Hochkönig aufpicken. Er ist spärlich besetzt, wir sind die Einzigen, die zum Arthurhaus wollen, 1.500 Meter hoch gelegen und der Ausgangspunkt unserer Tour. Der Höhenweg, der sich zu Füßen der schroffen Flanken des Hochkönigs entlang zieht, soll es heute sein.

Zum Einlaufen, und weil der Wettersituation nicht ganz zu trauen ist. In Mühlbach steigt eine Wandergruppe zu. Ihr Ziel ist wohl auch der Höhenweg, der, das erfahren wir inzwischen, Teil der Via Alpina ist, die von Triest bis Monaco reicht. Beim Verlassen des Busses am Arthurhaus wissen wir weiter, dass die Damen und Herren aus dem Hessischen kommen. Der Nieselregen, der inzwischen eingesetzt hat, kommt hingegen eindeutig von oben. Trotzdem: Wir traben los, finden auf der Beschilderung die Erichhütte, das Ziel unserer Tour, die gute drei Stunden dauern wird. Tief hängen die Nebel, oder die Wolken, so genau kann man das nicht feststellen.

Vergeblich richten sich die Blicke nach oben zu den in der Wegebeschreibung versprochenen schroffen Wänden. Der König hält sich bedeckt und außer dem Weg voraus ist nicht viel zu sehen. Dieser ist allerdings recht angenehm zu gehen. Er hält die Höhe, führt manchmal runter in eine schottrige Rinne, steigt dann wieder steil, aber nicht ausgesetzt an, um dann fast eben weiter zu gehen. Die Rieding Alm ist ein Ort, an der man gerne halten würde, um ausgiebig ins Tal und bis hinüber zu den Hohen Tauern zu blicken, wäre das Wetter nicht so bescheiden. Also weiter, vielleicht ist es bei den vier Hütten besser. Die liegen an der Wiedersberg Alm und sollen so aussehen, wie man sie in Heidiland nicht schöner hätte erfinden können. Doch erst mal sehen wir wieder - nichts. Denn als wir uns nach etwa einer halben Stunde und leicht zu bewältigendem Auf und Ab der Hüttenansammlung nähern, schält sich das Idyll nur langsam aus dem Nebel und gibt eine Ahnung davon, wie traumhaft es hier wäre, hätten der König und sein Wetter nur etwas Gnade mit uns. Wie hingepinselt stehen die Hütten da, übrigens nur drei statt der versprochenen vier.

Altes, sonnengebleichtes Holz, Geranien vor den winzigen Fenstern, Kräuter in den Bauerngärtchen. Einzig die breite Solarzelle, die knapp unter dem Dach an den Frontseiten der Hütten montiert ist, holt den Betrachter in das Heute zurück. An der Bank vor dem Brunnen, der zur Perfektionierung der Postkartenidylle vor den Hütten steht, gibt sich eines dieser schwarzen, starken Pinzgauer Pferde einer ausgiebigen Vormittagstoilette hin. Der Charakterkopf wird an der Lehne der Bank geschabt, während man die Fesseln an deren Sitzfläche schubbelt. Da stört es auch nicht, wenn auf der Bank gerade jemand sitzt. Zum Schluss stellt sich die Schöne noch in Fotopose. Eine orange Fahne macht eine der Hütten als Einkehr kenntlich, die Tafel verspricht Wärmendes.

Doch wir gehen nach einem Schluck aus der mitgeführten Thermospulle weiter, der stärker werdende Nieselregen verspricht nichts Gutes. Noch wollen wir allerdings die Hoffnung nicht begraben, auf dem weiter recht moderaten Weg über Almen und durch kleine Wälder wenigstens die Taghaube zu erblicken. Diese ist, so sagt es die Wegebeschreibung, ein Vorberg des Hochkönigs, über 2.000 Meter hoch, sozusagen eines der Knie der thronenden Majestät. Zum Körper des Königs hin bricht sie steil ab, während die dem Süden zugewandte Seite als steile Almwiese zu Tale gleitet. Für uns bleibt es Hörensagen, denn wir sehen – nichts. So stapfen wir weiter über Wege, die vor uns schon Legionen von Kühen gegangen sind und die, bedingt durch den anhaltenden Regen, allmählich zum schweren Geläuf mutieren.

Hoffnung regt sich, als nach einer weiteren halben Stunde ein wuseliger Hund über eine Graskuppe kreuzt, auf uns zuläuft, Schnupperkontakt aufnimmt, um anschließend sofort wieder hinter dem Hügel zu verschwinden. Wenige Minuten später erscheint der Hund neuerlich, gefolgt von einem jungen Wandererpaar. Bald habt Ihrs geschafft, grüßen sie im Vorbeigehen und meinen damit die Erichhütte, die wir in einer knappen Viertelstunde erreichen sollten. Wurde aber auch Zeit, denn inzwischen beliebt es dem König, von oben her eimerweise Wasser auf uns zu schütten. In der Erichhütte hat der Wirt den Specksteinofen schon mächtig angeheizt, die Suppe wärmt obendrein, nur der Blick nach Draußen trübt die Stimmung.

Trotzdem wollen wir uns den als steil, aber schön beschriebenen Abstieg über die Wirtsalm nach Dienten gönnen und nicht die Rennstrecke zum Dientner Sattel. Zur Schönheit lässt sich im Nachhinein kaum was sagen, denn der Hochkönig drückte die Wolken noch einmal mit beiden Füßen nach unten und mit Ihnen das darin enthaltene Wasser. Steil war’s, das stimmt. Der letzte Blick zum Hochkönig gibt eine klare Auskunft: seine Hoheit wird sich heute nicht mehr zeigen.

Der Weg zum Thron ist steinig

Ein anderer Tag. Es ist fünf Uhr morgens, sternenklar, keine Wolke am Himmel und von der Gartenterrasse unseres Hotels aus sind die Umrisse des Hochkönigs klar und bizarr zu erkennen. Heute also steigen wir dem König aufs Haupt. Die Warnung vor dem Hatscher, die Klaus Bürgler noch vor Tagen ausgesprochen hatte, ist verflogen. Gegenwärtig ist uns nur die Sage, die man uns im Dorf am ersten Abend erzählte. Warum der Gletscher, an dessen Rand wir uns bei der Gipfeltour bewegen sollten, Übergossene Alm heißt. Kurz gefasst hat sich das Geschehen vor Urzeiten wie folgt abgespielt: Auf dem Hochkönig gab es einst saftige Almen von wunderbarer Schönheit. Das Wohlleben, das sie erlaubten, machte die Sennerinnen drall und übermütig. Sie pflasterten den Weg mit Käse, badeten in Milch, bewarfen sich mit Butter und feierten rund um die Uhr.

Als eines Abends ein alter Mann im ärmlichen Pilgermantel um Obdach bat, wiesen die Sennerinnen ihn ab. Nun war das Maß des Frevels voll. Noch am selben Tag zogen gewaltige Wolken auf, über die Alm ergoss sich eine mächtige Flut, die sofort erstarrte. Die Almen auf dem Hochkönig verschwanden, geblieben sind Eis und Fels. Um Punkt sechs Uhr parken wir den Wagen am Arthurhaus, das uns schon einmal als Ausgangspunkt für eine Tour diente. Immer noch ist es dunkel, doch am Horizont zieht ein erster rötlicher Schimmer auf, das untrügliche Zeichen für den anbrechenden Tag.

Diesmal wenden wir uns in Richtung Mitterfeld Alm, die wir über einen breiten Güterweg, der zum Schluss steil ansteigt, nach einer halben Stunde erreichen. Eigentlich schafft man das auch in fünfzehn Minuten, doch das Erlebnis des Sonnenaufgangs hinter dem Gezacke des fernen Dachsteins zwingt immer wieder zu spontanem Halt und zum Griff zur Kamera. Nun ist es bereits hell und wir sehen uns mit der Tatsache konfrontiert, dass gleich hinter der Mitterfeld Alm die Lieblichkeit der Landschaft ein Ende hat. Die Spätfolgen der frevelhaften Sennerinnen werden sichtbar. Der Weg führt über zu Tale schießende Geröllhalden stetig und immer steiler werdend bergan zum Unteren Ochsenkar. Tief unten im Tale sind plötzlich noch nie vernommene Töne zu hören. Es klingt wie das Brüllen der Löwen, nur nicht so bedrohlich. Eher wie ein dumpfes Röhren. Dann wird es uns klar.

Es ist die Brunftzeit der Hirsche und die Herren der Wälder suchen Damenkontakt. Das Röhren begleitet uns, bis die Steinschulter des Ochsenkars jedes aus dem Tal kommende Geräusch abschirmt. Nun hören wir nur noch unsere Schritte und das stetig stärker werdende Keuchen – Tribut an den immer steiler werdenden Anstieg. Rechter Hand baut sich die Torsäule auf, ein veritabler Wolkenkratzer, der sich, 2.590 Meter hoch, bedrohlich in den Himmel schiebt. Am Oberen Ochsenkar wird es endgültig bizarr. Eine Geröllzunge zieht sich breiter werdend steil bergan, der kleine Bratschenkopf bildet zusammen mit seinem Schatten den Kopf eines Elefanten, dessen Rüssel sich bis in die Mitte des steinernen Desasters schiebt. Bürgler hatte recht: Es ist ein "Hatscher". Immer ausgesetzter wird der Weg, manchmal wünscht man sich eine kleine Sicherung. Und wir sind erst knapp drei Stunden unterwegs. Linker Hand schießen Schneefelder zu Tal, enden dort, wo kleine Felstürme den Durchblick in Richtung der Hohen Tauern einrahmen. Ging es bisher nur steil nach oben, so erhöht der Hochkönig ab nun noch die Schlagzahl.

Immer wieder zwingt er uns zu quälenden Abstiegen in tiefe Kerben, um uns anschließend wieder hoch zu scheuchen. Der Verlauf des Weges ist nur noch durch die rot-weißen Markierungsstangen zu erkennen, die wie Leuchttürme in die geborstenen Steinbrocken gerammt sind. Wir wären nicht die ersten, die sich in diesem Chaos verlaufen. Jenseits der Schrambachscharte ein unerwartetes Erfolgserlebnis.

Das Matrashaus, die Gipfelresidenz des Hochkönigs, wird plötzlich sichtbar. Und tief unter uns die ersten Ausläufer der sagenumwobenen Übergossenen Alm, Gletscherränder aus Eis und schmutzigen Geröll. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. War das mit den fünfeinhalb Stunden Gehzeit bis zum Gipfel vielleicht doch etwas übertrieben? Wir wählen nicht den Weg über die Schneefelder sondern bleiben auf dem steinernen Pfad, in der Hoffnung schneller am Ziel zu sein, wenn wir die Höhe halten. Ein Trugschluss. Denn immer wieder werden wir in die Tiefe gezwungen, müssen uns den nächsten Anstieg mühsam erarbeiten. Und immer haben wir das Matrashaus, einer Fata Morgana gleich, vor Augen. Wir fühlen uns wie der Hund, dem man die Wurst vor die Nase hält und vor dem Zuschnappen wieder wegzieht. Eigentlich können wir den Gipfel schon fast greifen, doch dann entzieht er sich uns durch ein Wegezeichen, das uns in die nächste mit Schneefeldern gefüllte Rinne hinunter führt.

Hinterher werden wir wissen, dass dieses Ab und Auf noch anstrengende neunzig Minuten gekostet hat, bevor wir den finalen Klettersteig zum Gipfel erreicht haben. Dieser Schlussakkord zum Thron des Königs ist allerdings state of the art. Komfortable Aluleitern, eine kleine Alubrücke. Geschafft. Das Matrashaus liegt vor uns und entzieht sich uns nimmer. Der Lohn der Mühe ist unbeschreiblich. Unter dem blitzblauen Himmel ordnen sich im Süden die Schneefelder des Großglockners, des Großvenedigers, des Kitzsteinhorns. Im Osten reckt sich der Dachstein wuchtig nach oben. Im Westen die gigantische Schüttung der Loferer Steinberge. In unserem Rücken eines der Schnee- und Eisfelder der "Übergossenen Alm" früherer Tage. Alles vergessen ob dieses Rundblicks, wenigstens für die eine Stunde der Gipfelrast. Der Rückweg zum Arthurhaus dauert dann "nur" noch vier Stunden. Gefühlt waren es aber mindestens doppelt so viel. Fast scheint es uns, als will uns der Hochkönig nie mehr aus diesem Meer der Steine entlassen. Zum Schluss doch noch Hoffnung. Am Unteren Ochsenkar hören wir wieder das Röhren der Hirsche. Wir können’s kaum fassen. Was für ein Tag!
 
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